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Anna Pfleger

Maga. Anna Pfleger, arbeitet als freiberufliche Logopädin in Wien mit dem Schwerpunkt: Behandlung und Prophylaxe von Sprecherinnen, Sängerinnen, Bläserinnen und Lehrkräften. Bei Fragen können Sie sich gerne mit Fr. Anna Pfleger (Logopädin) in Verbindung setzen: Tel.: +43 (0)1 332 74 36

Möge die Zusammenarbeit zwischen Logopädinnen und Musikerinnen verbessert werden!

Wann zur Logopädin?

  • Offensichtlich ist es bei Sprach- und Sprechstörungen
  • bei offenstehenden Lippen
  • bei falschem Schluckmuster – z.B. wenn die Zunge beim Schlucken an die Zähne drückt oder sogar zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen heraustritt. Die Zahnhalterung wird allein durch den Anblasschub ständig in Mitleidenschaft gezogen – tritt zusätzlich ein falsches Schluckmuster auf, ist die Gefahr einer bleibenden Störung noch größer. Außerdem muss von einem täglichem Schluckvorgang von bis zu 2000 x in 24 Stunden ausgegangen werden!
  • Bei diversen Schmerzsymptomen (Lippen, Zunge, Kehlkopf, …)
  • Bei bereits bestehenden Krankheiten, die den HNO-Bereich betreffen

Bei einer Therapie steht nicht nur die Vermeidung diverser Krankheiten im Blickfeld einer Logopädin, sondern auch die Fähigkeit, durch gezieltes Training z.B. des Musculus orbicularis oris („Kussmuskel“) die Intonation beim Spielen eines Blasinstruments, die Verlängerung des Mundraums als Resonanzraum und die Deutlichkeit der Artikulation beim Singen und Sprechen zu verbessern.

Eine Auswahl an logopädischen ÜBUNGEN für BläserInnen

Lippenübungen

  • Lippen verstecken – Lippen nach innen ziehen, bis kein Lippenrot mehr zu sehen ist
  • Abwechselnd: „Bussimund“ – „Lachmund“ – „Rüsselmund“ (wie bei der Artikulation von SCH)
  • „Fischmund“: „Bussimund“ machen und danach die Lippen nach vorne stülpen
  • Versuch den rechten unteren Mundwinkel nach unten zu ziehen – danach den linken – danach beide gleichzeitig
  • Versuch den oberen rechten Mundwinkel hinaufzuziehen – danach den linken – danach beide gleichzeitig
  • Lippenbrummen (vorher Lippen befeuchten)
  • Pfeifen

Zungenübungen

  • Zunge gerade herausstrecken – dabei weder die oberen noch die unteren Schneidezähne berühren
  • „Palatschinkenzunge“ – Seitenränder der Zunge nach oben rollen
  • Zunge herausstrecken und breit und schmal machen
  • „ohne Zunge sprechen“: Die Zungenspitze hinter die oberen Alveolaren legen und liegen lassen, so zu sprechen versuchen
  • Mit der Zungenspitze die Zähne zählen; putzen (innen und außen)

Wangenübungen

  • Wangen aufblasen – danach die Luft von einer Wangenseite in die andere drücken
  • Luft in die vordere obere und untere Lippentasche drücken – danach abwechselnd oben und unten

Zur Lippenspannkraft

Myofunktionelle Therapie, darunter ist eine Verbesserung der Muskelspannkraft durch gezieltes Training zu verstehen, kann bei Sängerinnen, Bläserinnen und Sprecherinnen diverse Störungen unterbinden bzw. vorliegende Störungen verbessern helfen. Logopädie als Prophylaxe und als Brückenschlag zwischen Medizin und Musik sollte somit ein fixer Bestandteil der universitären Ausbildung werden, wenn auch noch folgendes in die Überlegung miteinbezogen wird:

Der Ansatz beim Spielen eines Blasinstruments wird zum überwiegenden Teil durch die Lippen erreicht. „Bei Rohrblattinstrumenten entsteht der Druck auf die Lippen durch den Kontakt der Schneidezähne mit der sich je nach benutzter Technik unterschiedlich weit zwischen Mundstück und Zähnen befindenden Unterlippe (bei Einfachrohrblattinstrumenten)” (Klöppel 2008, S. 257). Bei Blechbläserinnen kommt noch ein zusätzlicher Druck auf die Zähne dazu, „der sogenannte Ansatzschub […]. Für diesen Druck werden Werte zwischen 1 Newton (Posaune tiefster Naturton) und 40 Newton gemessen” (Klöppel 2008, S. 257f). Diese Ergebnisse wurden in einer Studie von L. Borchers u.a. noch detaillierter angegeben, wobei die stärkste Kraftausübung beim Trompetenspiel mit 75 N angegeben wird (Mundstückkräfte 2002, S. 5). Dieselbe Studie erbrachte den Nachweis, dass die Lippenspannung beim Spielen eines Blasinstruments die Zahnbewegungen im Halteapparat beeinflussen kann, die über die physiologischen Bewegungen hinausgehen.

Bei Sängerinnen und Sprecherinnen fällt der Anblasdruck für die Tonerzeugung weg, aber es muss die Fähigkeit zum Ausführen bestimmter Lippenbewegungen vorhanden sein, um bestimmte Artikulationsbewegungen durchzuführen. Zu diesen Bewegungen zählen u.a. das „Spreizen, Runden, Vorstülpen (Protrusion), Senken der Unterlippe, Schließen […]. Bei vorgestülpten Lippen wird das Ansatzrohr verlängert, da zwischen den Frontzähnen und den Lippen ein weiterer Resonanzraum entsteht“ (Storch 2002, S. 30f). Selbstverständlich sind nicht nur die Lippen für eine deutliche Artikulation verantwortlich. Je deutlicher aber die Lippenbewegungen ausgeführt werden, umso leichter ist es, dem gesprochenen oder gesungenen Text auf weitere Distanzen, wie sie in Opernhäusern und Theatern zu finden sind, folgen zu können. Neben dem Hörvorgang trägt auch das Lippenlesen wesentlich zum Sprachverständnis bei. Erst ein myofunktionelles Gleichgewicht (Gleichgewicht aller Muskeln, die beim Sprechen, Schlucken … beteiligt sind) ermöglicht eine deutliche Artikulation und einen physiologisch richtigen Bewegungsablauf aller an der Artikulation beteiligten Organe. Ein physiologisch korrekter Bewegungsablauf kann auch dazu dienen den Ansatzschub zu verringern, denn „auch die Fähigkeit, den Luftstrom gut zu bündeln und eine hohe Luftgeschwindigkeit in der Mundhöhle zu erzeugen, kann den notwendigen Ansatzschub vermindern” (Klöppel 2008, S. 258). Wie wichtig die Erhöhung der Lippenspannkraft zur Verminderung des Ansatzschubs ist, ist leicht einzusehen, wenn berücksichtigt wird, dass die durchschnittliche Übungszeit bei Bläserinnen bei drei Stunden liegt (Skarabis 2005, S. 35).

In einer explorativen Studie von 2012, die von Anna Pfleger am Institut für Musikwissenschaft durchgeführt wurde, zeigte es sich, dass Sängerinnen, Bläserinnen und Sprecherinnen eine höhere Lippenspannkraft aufweisen als Personen, die keiner der drei Gruppen zuzuordnen sind.

Es zeigte sich, dass die Spannkraft des Musculus orbicularis oris bei Sängerinnen, Bläserinnen und Sprecherinnen höher ist (Durchschnitt 10,58 N/das entspricht ca. einem Kilogramm) als bei Personen, die weder singen noch ein Blasinstrument spielen (8,45 N/das sind ungefähr 80 Dekagramm). Männer weisen dabei im Durchschnitt eine höhere Spannkraft auf als Frauen, nämlich 11,38 N im Gegensatz zu 8,09 N. Dass Bläserinnen eine höhere Spannkraft haben als Sängerinnen und Sprecherinnen konnte mit dieser Untersuchung nicht bewiesen werden.

Durch gezieltes logopädisches Training könnten auch Krankheiten vermieden werden. Garliner (1989, S. 204) führt bei seinen Patientinnen verschiedene Schmerzsymptome an, die bei myofazialen Schmerzen auftreten können. U.a. nennt er neben eindeutigen Schmerzen auch Reiben oder Knacken des temporo-mandibulären Gelenks beim Kauen oder Schlucken, eingeschränkte Beweglichkeit bei Kieferbewegungen, eine Unfähigkeit Kiefergelenksbewegungen zu koordinieren, Zungenbrennen oder ein Brennen im gesamten Mundbereich, trockener Mund und Bruxismus; aber auch Tinnitus und ständige Kopfschmerzen bringt er in diesen Zusammenhang sowie Empfindlichkeit bzw. Schmerzen in den Muskeln des Halses und des Rückens. Die Ursachen gibt er als physiologisch, funktionell oder durch äußere Einwirkungen entstanden an. Die Verminderung oder Beendigung myofaszialer Schmerzen sieht er durch die Zusammenarbeit klinischen Personals wie Zahnärztin, Allgemeinmedizinerin, Psychologin (eventuell auch Psychiaterin – er ist Amerikaner!) und Myofunktionstherapeutin gegeben (Garliner 1989, S. 205). Da er im Speziellen keine Musikerinnen im Blickfeld hatte, müsste ergänzend noch die jeweilige Instrumentallehrerin als Mitarbeiterin in dieses Team aufgenommen werden. Der Gedanke, dass einzelne Musikerinnen von einem Netzwerk betreut werden sollten, ist auch bei Spahn (2011, S. 25ff) zu finden. Myofunktionelles Training sollte somit begleitend zur musikalischen Ausbildung erfolgen. Dabei steht nicht nur die Vermeidung diverser Krankheiten im Blickfeld einer Logopädin, sondern auch die Fähigkeit, durch gezieltes Training des Musculus orbicularis oris die Intonation beim Spielen eines Blasinstruments, die Verlängerung des Mundraums als Resonanzraum und die Deutlichkeit der Artikulation beim Singen und Sprechen zu verbessern.

Literatur:

  • Borchers, Lothar u.a., Mundstückkräfte und Zahnbewegungen beim Spielen von Blechblasinstrumenten, in: Musikphysiologie und Musikermedizin, 2002, 9. Jg., Nr. 1, (Seiten 1 – 7) (Mundstückkräfte 2002)
  • Garliner, Daniel, Myofunktionelle Therapie in der Praxis. Gestörtes Schluckverhalten, gestörte Gesichtsmuskulatur und die Folgen […], Germering: DinauerVerlag, 2. erw. u. überarb. Lizenzausgabe 1989 (Garliner 1989)
  • Klöppel, Renate, Das Gesundheitsbuch für Musiker. Anatomie. Berufsspezifische Erkrankungen. Prävention und Therapie, Kassel: Gustav Bosse, 2008 (Klöppel 2008)
  • Skarabis, Pia, Der gesunde Musiker. Trainingsprogramme für Beruf und Hobby. Berlin [Leipzig]: Henschel Verlag, 2005 (Skarabis 2005)
  • Spahn, Claudia, Musikermedizin: Diagnostik, Therapie und Prävention von musikerspezifischen Erkrankungen, Stuttgart: Schattauer, 2011 (Spahn 2011)
  • Storch, Günther, Phonetik des Deutschen für sprachtherapeutische Berufe. Mit Übungen zur phonetischen Transkription, Stockach: Günther Storch, 2002 (Storch 2002)

Ruheatmung und Leistungsatmung

Zunächst steht die Bauchatmung, auch Abdominalatmung oder Zwerchfellatmung genannt, im Mittelpunkt. Dem Zwerchfell als dem eigentlichen Atemmuskel kommt selbst bei Bläserinnen besondere Bedeutung zu, denn eine natürliche Atmung ist selbst bei aktiv tätigen Musikerinnen nicht immer anzutreffen. Die Atmung wird vom logopädischen Ansatz her unterteilt in Ruhe-, Sprech- und Singatmung. Im Zusammenhang mit aktivem Musizieren scheint die Bezeichnung der Sprech- und Singatmung zusammengefasst als Leistungsatmung besser definiert zu sein (Gallenmüller). Die Ruheatmung sollte durch die Nase erfolgen. Besteht ein myofunktionelles Ungleichgewicht, kann die Nasenatmung gestört sein. Beim Offenstehenlassen der Lippen kommt es häufig zu einer Verengung der Nasenwege. Aber auch umgekehrt: Eine starke Nasenscheidewandverkrümmung, Wucherungen in Form von Polypen u.ä. können eine Nasenatmung unmöglich machen und die betroffene Person zur Mundatmung zwingen.

Die Leistungsatmung, also die Sprech- und Singatmung, zu denen auch die Atmung beim Spielen eines Blasinstruments gehört, ist Mundatmung. Häufig ist bei Bläserinnen eine sehr stark ausgeprägte Hochatmung zu erkennen. Bei der Hochatmung ist nicht die Bauchbewegung vorherrschend, die durch das Hinunterbewegen des Zwerchfells bei der Einatmung zustande kommt, weil die Bauchorgane verdrängt werden, sondern sie zeigt sich in Auf- und Abwärtsbewegungen der Schultern. Das Zwerchfell ist bei dieser Atmung fixiert und nur die Interkostalmuskulatur führt den Atemvorgang aus. Die Hochatmung wird deshalb auch Thorakalatmung genannt. Die Ruheatmung ist gekennzeichnet durch ausschließliche Zwerchfellatmung, sodass es hierbei zu keinen Mitbewegungen im thorakalen Bereich kommt. In der Gesangstechnik gibt es seit langem den Begriff der Atemstütze, der vermehrt auch im Unterricht für Bläserinnen eingesetzt wird. Fehlende Stützatmung wird häufig „mit Verkrampfungen im Hals-, Zungenbereich und/oder am Ansatz“ kompensiert (Gallenmüller 2004, S. 109). „Parallel dazu werden oft noch die Schultern hochgezogen“ (Gallenmüller 204, S. 113).

Die sogenannte Stütze kann erst nach dem Beherrschen der physiologisch richtigen Ruheatmung trainiert werden, denn erst wenn einer Studentin bewusst ist, wie die korrekten Muskelbewegungen während der Atmungsphasen erfolgen, können diese willkürlich geändert werden. „Bei der sog. Stütze wird quasi versucht, die Tiefstellung (Einatemstellung) des Zwerchfells beizubehalten, obwohl Töne gesungen oder geblasen werden. Dabei spannt sich der Bauchmuskelschlauch an und leistet dem Zwerchfell Widerstand, wobei sich beide die Waage halten“ (Gallenmüller 2004, S. 112). Gleichzeitig muss auch gegen das Zusammensinken des Brustkorbs vorgegangen werden, um nicht zu schnell zu viel Luft zu verbrauchen. Dies vermittelt „das Gefühl des Sich-Abstützens in sich selber. Man hat das Gefühl einer innerlichen Aufrichtung durch die Luftsäule“, daher der Begriff der Stütze (Gallenmüller 2004, S. 112).

Literatur:

  • Gallenmüller, Elke, Die Bedeutung der Atemstütze für Bläser, in der Zeitschrift Musikphysiologie und Musikermedizin 2004, 11. Jg., Nr 3, (S. 109 – 114) (Gallenmüller 2004)
Permalink pfleger.txt · Zuletzt geändert: 2017/01/29 16:16 (Externe Bearbeitung)

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